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Interview mit Regina McCombs:
“Der Ton gibt den Fotos eine dritte Dimension”

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Ihr Ruf eilt ihr voraus: Regina McCombs gilt als eine der bekanntesten Vertreterinnen des Multimedia-Journalismus in den USA. Während sie seit August 2008 Journalisten am renommierten Poynter Institute fortbildet, war McCombs zuvor jahrelang als Multimedia-Producerin aktiv.

Für die Website der Tageszeitung Star Tribune erstellte sie Videos, Audio Slideshows sowie Multimedia-Pakete und machte sich schnell einen Namen (etwa mit Liberians in Minnesota). Die US-Amerikanerin erhielt mehrere Preise für Fotojournalismus und multimediales Storytelling.

Im Oktober 2007 habe ich mit ihr ein Interview für einen Radiobeitrag über Audio Slideshows geführt. Dieses Gespräch ist zu interessant, um es auf meiner Festplatte schlummern zu lassen.

Ein Blick auf die Website des Star Tribune verrät, dass die Redaktion offensichtlich regelmäßig das Format der Audio Slideshow verwendet. Täuscht dieser Eindruck?

Für die Redaktion ist dieses Format sehr wichtig. Wir haben grandiose Fotografen. Deren wundervollen Fotos verwenden wir weiter und kombinieren sie mit Ton. Im Vergleich zu ein, zwei Bildern in der Zeitung lässt sich so eine Story ganz anders erzählen. Der Ton gibt den Fotos eine dritte Dimension. Für eine Website funktionieren diese Stories wirklich gut.

Was haben die User davon, wenn sie sich eine Audio Slideshow ansehen?

Dieses Format lässt die User einen Schauplatz genau so wahrnehmen, wie ihn der Fotograf gesehen hat. Gleichzeitig hören sie, was dort passiert. Sie können sich davon und von der Story eine eigene Vorstellung bilden. Außerdem hören und sehen sie die Menschen, die die Story mit ihren eigenen Worten erzählen.

Es gibt im Internet viele Beispiele für tolle Ton-Bild-Strecken zu sehen. Woraus besteht eine gelungene Arbeit?

Bei Audio Slideshows denke ich an Kurzgeschichten. Sie bestehen aus einem starken Charakter oder Personen, einer Handlung, die sich auf einen Höhepunkt zu entwickelt und dann einer Wandlung. Sie schließt alles ab und vermittelt das Gefühl, dass man eine interessante Story erzählt bekommen hat. Das sind die Bestandteile, die eine tolle Kurzgeschichte ausmachen. Umsetzen lässt sich dies mit Interviews und Umgebungsgeräuschen vom Ort des Geschehens. Es reicht nicht, ein einzelnes Interview in einem ruhigen Raum zu führen. Man braucht Sound, der heraus sticht und dieselbe Story vermittelt, die die Fotos erzählen. Diese Elemente schaffen ein Gefühl davon, wie es an diesem Ort war, wie es dort klang.

Vielen Menschen erschließt sich häufig nicht, warum für ein Video – entgegen dem gewohnten Muster – keine bewegten Bilder sondern Fotografien verwendet werden. Wie unterscheiden sich beide Formate?

Die Stories, die für eine Audio Slideshow gut funktionieren, müssen nicht zwangsläufig genauso gut für ein Video funktionieren. Setzt man sie mit diesen unterschiedlichen Medien um, kommen unterschiedliche Stories heraus. Beim Betrachten eines Fotos entwickelt sich das Gefühl, dass es sich um einen eingefrorenen Moment in der Zeit handelt. Man denkt über diesen Moment nach, der so schnell vorbeiging. Die emotionale Reaktion ist eine andere als bei einem Video, das einen eher in etwas hinein wirft.

Nach welchen Kriterien entscheidet die Redaktion des Star Tribune, ob ein Video oder eine Audio Slideshow produziert wird?

Manchmal ist es eine ganz pragmatische Entscheidung, weil die Zahl unserer Mitarbeiter begrenzt ist. Viele unserer Fotografen besitzen Audio-Kenntnisse. Daher ist es manchmal einfacher eine Audio Slideshow zu machen, weil wir mehr Leute haben, die wissen, wie man das macht. Was die Entscheidung hinsichtlich der Wahl einer Story angeht: Ein Video ist angebracht, wenn es viel Aktion, viel Bewegung gibt, wenn ein Prozess in Gang ist oder wenn viel um einen herum passiert. Audio Slideshows sind dagegen die richtige Wahl für nachdenklichere oder längerfristige Stories, bei denen man Menschen über einen längeren Zeitraum begleitet.

In den vergangenen Jahren ist eine weitere Video-Variante aufgetaucht. Diese so genannten „Videoslides“ kombinieren Fotografien mit Videosequenzen. Was halten sie davon?

Bislang hat mich keine Arbeit überzeugt. Einzelne kommen nahe heran, weil sie mit interessanten Ideen aufwarten oder ungewöhnliche Techniken ausprobieren. Allerdings finde ich den Wechsel zwischen Fotos und Video nach wie vor störend. Dieser Wechsel fühlt sich an wie ein Schritt von einer Stufe herab auf die nächste – obwohl man nicht wusste, dass es eine gibt. Bislang habe ich keine Arbeit gesehen, die es schafft, beide Elemente gleichberechtigt zu kombinieren. Ich hoffe, dass sich diese interessante Form weiterentwickelt wird.

Der Video-Journalismus im Web boomt. Gleichzeitig entwickelt sich die Technik der Videokameras rasant. Besteht die Gefahr, dass Audio Slideshows lediglich eine Übergangsform darstellen und von bewegten Videos verdrängt werden?

Möglicherweise werden sie zu einer Übergangsform, insofern Videokameras mit höherer Auflösungen ausgestattet werden und die Menschen sie immer besser beherrschen. Mir würde es allerdings gefallen, wenn es Audio Slideshows auch in der Zukunft gibt. Gut gemachte Stücke können wirklich wundervoll sein. Und ganz offen: Wir unterrichten Audio Slideshows, weil sie ein gutes Sprungbrett zum Video darstellen. Teilweise werden dieselben Techniken verwendet. Umso mehr man vertraut ist, Ton zu sammeln, ihn zu bearbeiten und daraus eine Story zu entwickeln – umso einfacher ist es in den Video-Bereich einzusteigen. Dies gilt auch dafür, wie man für eine Audio Slideshow Bilder aufnimmt. Wie bei alten Fotoaufsätzen muss man die Idee dahinter berücksichtigen. Es kommt darauf an, die Handlung zu bebildern – mit vielen unterschiedlichen Aufnahmen, mit Detailaufnahmen, aus verschiedenenn Perspektiven. Dies gilt genauso für ein Video. Diese Techniken zu beherrschen stellt sicherlich einen Übergang zum Video dar. Ob deswegen die Storyform verschwinden wird, weiß ich nicht.

Weiterführende Links:

2 Kommentare zu “Interview mit Regina McCombs:
“Der Ton gibt den Fotos eine dritte Dimension””

  1. #1 Schmidt mit Dete » Vortrag (HH): Social Media Tools im US-Journalismus
    am 14. Mai 2009 um 22:33

    [...] Hinweis in halb-eigener Sache: Kommenden Montag, 18.5.,findet ein Vortrag von Regina McCombs (hier ein Interview mit ihr) statt: “How US companies are using social media tools like Twitter, Facebook and Digg in [...]

  2. #2 onlinejournalismus.de - Das Magazin zum Thema » Blog Archive » Lernt die Kultur kennen!
    am 18. Mai 2009 um 23:43

    [...] “Der Ton gibt den Fotos eine dritte Dimension” Interview mit Regina McCombs bei Soundphotographer [...]

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